Peter Bierl: Keine Heimat nirgendwo. Eine linke Kritik der „Heimatliebe“ (März 2020)

Peter Bierl

Keine Heimat nirgendwo

Eine linke Kritik der „Heimatliebe“

ISBN 978-3-946193-29-6 | 12,5 x 19 cm | 147 S. | 14 € | März 2020

The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)
Studien zum Rechtsextremismus und zur Neuen Rechten, Band 4

Leseprobe:

(…) Heimat als „Traum von einer besseren Welt“ zu präsentieren, dafür Adorno oder Bloch in Beschlag zu nehmen, aber den Kapitalismus verklären, wie Habeck es tut, das ist der einzige Missbrauch in der Heimatdebatte. Abgesehen davon, dass der Grünen-Chef Widersprüchliches verbreitet, wenn er einmal Heimat als realen Schutzraum, andererseits als Utopie und Nicht-Ort bezeichnet, oder schlicht Unsinn redet, wenn er davon spricht, das Konzept Heimat sei in der deutschen Romantik entstanden, weil man sich vor Stromtrassen fürchtete, die es damals gar nicht gab. Vor lauter patriotischer Besoffenheit übersieht er sogar die Bedeutung der EU, indem er behauptet, „Deutschland ist der Bezugsrahmen jedweder politischen Debatte in Deutschland“. Und wenn er die Fußball WM von 2006 als eine Form des Protests eines besseren Deutschland gegen alte Schlips- und Bedenkenträger abfeiert, zeigt sich der grüne Hoffnungsträger als Bannerträger der autoritären Revolte. Heimat liegt bei allen voll im Trend, die von Gesellschaftskritik nichts wissen wollen, die den Anspruch auf grundlegende Veränderung aufgegeben haben, zugunsten des wohldotierten Mitmachens. Wer jedoch seinen Frieden mit dieser Ordnung gemacht hat, kann zur Verwaltung der Widersprüche, die diese laufend produziert, allerlei ideologischen Kitsch gebrauchen, darum ist der Rückgriff auf Heimat und Nation wohl unvermeidlich. Denn für Umweltzerstörung und Klimawandel sind nicht irgendwelche anonymen Mächte oder eine entfesselte Globalisierung verantwortlich, sondern heimische Unternehmen und Politiker*innen, aber auch alle diejenigen, die diese Ordnung als Wähler*innen und Konsument*innen stützen. Es sind – um nur ein Beispiel zu nennen – heimische Autobauer und Autofahrer*innen, die die Luft verpesten und die ökologische Katastrophe produzieren.

 

Der Band arbeitet die Entstehung des Heimatbegriffs im deutschprachigen Raum seit der Romantik auf, über die Heimatschutzbewegung des Kaiserreichs und der Weimarer Republik als Ideenlieferant des Nationalsozialismus, den Heimatkitsch der Wirtschaftswunderjubeljahre bis zur Renaissance der Heimattümelei durch undogmatische Linke und Grüne. Dazu gibt es ausführliche Quellenangaben, ein Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister.

Der Autor Peter Bierl ist freier Journalist und schreibt für Jungle World, Konkret, Rechter Rand und iz3w. Zuletzt erschien von ihm das „Einmaleins der Kapitalismuskritik“ (2018).

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