Presseerklärung: Gegen Antisemitismus und Holocaustverharmlosung auf den 25. Baden-Württembergischen Theater Tagen in Heilbronn

„Putin“ als „Nachfolger Hitlers“: Holocaustverharmlosung und Antisemitismus auf den 25. Baden-Württembergischen Theater Tagen in Heilbronn

Wer wissen möchte, wie im deutschen Mainstream Antisemitismus goutiert wird, kann am 3. Juli 2022 in die baden-württembergische Provinz nach Heilbronn zu den 25. Baden-Württembergischen Theater Tagen gehen. Der Südwestrundfunk (SWR) hat die Theater Tage angekündigt. Es geht um eine Podiumsdiskussion zum Thema „Geopolitik heute“ am kommenden Sonntag. Es soll um den Konflikt USA-Russland, die Ukraine, China und Syrien gehen, was sich an den drei Gästen zeigt, darunter die ehemalige ARD-Russland Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz. Der Skandal ist die Moderation! Moderiert werden soll die Veranstaltung nämlich bislang von Wolfgang Niess. Auf seiner privaten Homepage schreibt der Stuttgarter „Historiker, Autor, Moderator“ Wolfgang Niess (Jg. 1952), von 1979 bis 2018 Mitarbeiter und teils leitender Redakteur beim Südwestrundfunk (SWR), zur aktuellen Situation:

„Kein Gas aus Russland!

Das Drehbuch des Stücks, das zurzeit auf der Weltbühne aufgeführt wird, stammt von Adolf Hitler. Die Uraufführung fand 1938/1939 unter der Regie des Autors statt.

Nun führt Wladimir Putin Regie.

Dem Münchner Abkommen von 1938 entspricht die weitgehend sanktionslos gebliebene Aneignung der Krim. Der Besetzung der Rest-Tschechoslowakei im März 1939 entspricht der Überfall auf die Ukraine, den wir in diesen Tagen erleben. Wer die Rolle übernimmt, die Polen im September 1939 spielen musste, ist noch nicht endgültig geklärt. Möglicherweise die drei baltischen Staaten gemeinsam. Was damals folgte, ist bekannt…

Es gibt zwei Möglichkeiten, den dritten Akt zu vermeiden.

Eine Option liegt in den Händen der russischen Generalität. Wenn sie ihr Land liebt, weiß sie, was sie zu tun hat.

Die zweite Option haben wir Europäer. Wie müssen jetzt und sofort zeigen, dass wir alle gemeinsam zu Opfern bereit sind, um den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Brechen wir JETZT sämtliche Wirtschaftsbeziehungen zu Russland ab, bis Hitlers Nachfolger Putin gestürzt ist.

Kein Gas mehr aus Russland.

Was bedeutet es schon, einen Pullover überzuziehen! Wir sind bereit, unsere Gasheizungen drei oder vier Grad kälter einzustellen! Wir machen das!

Kein Gas aus Russland. JETZT“

 

Diese eigentlich ansprechende Theatermetaphorik wird durch den wirklich widerwärtigen Inhalt konterkariert. Das ist offenkundig nicht als Satire gemeint, sondern als politische Stellungnahme eines alten Journalisten, der sogar in Geschichte promoviert hat. Es ist auch ein Mordaufruf darin – die Generalität Russlands soll Putin töten, das ist gemeint. Auf seiner Homepage führt Niess sogar auf, dass er sich in seiner Karriere als Journalist unter anderem mit dem Nationalsozialismus beschäftigt habe. Die Frage ist, wie er sich damit beschäftigt hat – kritisch, deskriptiv oder beschönigend? Jedenfalls hat er aus diesen Sendungen über die Jahrzehnte hinweg überhaupt nichts kapiert: Denn wer schreibt „bis Hitlers Nachfolger Putin gestürzt ist“, ist ein Holocaustverharmloser.

Wer schreibt „bis Hitlers Nachfolger Putin gestürzt ist“, intoniert eine antisemitische Reaktionsweise: Damit setzt Niess den Vernichtungsantisemitismus von Hitler mit der Politik Putins gleich. Damit sekundiert der Agitator den Antisemitismus des ukrainischen Präsidenten Selenskyi, der in einer Zuschaltung zum israelischen Parlament, der Knesset, davon fabulierte, dass Putin und Russland den Krieg am 24. Februar 2022 begonnen hätten, weil an diesem Tag im Jahr 1920 die NSDAP gegründet wurde. Dieser Antisemitismus kam in Israel nicht gut an.

Wenn auf einer massiv von der Stadt Heilbronn finanzierten Bühne ein Mann wie Wolfgang Niess auftreten darf, der Hitler und den Holocaust verharmlost, also nach der Analyse von Adorno sekundären, erinnerungsabwehrenden Antisemitismus vertritt und einen Präsidenten eines anderen Landes dämonisiert und töten lassen möchte – und ihn nicht etwa kritisiert, einen Waffenstillstand und eine diplomatische Lösung der Krise einfordert, wie es Demokraten tun würden –, dann hat die Stadt Heilbronn ein Antisemitismus-Problem. Dann haben auch das Theater Heilbronn und die „Festivalleiterin Deborah Raulin“ ein Antisemitismus-Problem.

Wenn Putin gleich Hitler ist, dann gab es die nie dagewesenen Verbrechen in Auschwitz gar nicht – so wie es heute tatsächlich keine Gaskammern in der Ukraine gibt.

Wer Hitler und Putin gleichsetzt, leugnet den eliminatorischen Antisemitismus von Hitler in „Mein Kampf“ und in den Reden Hitlers.

Wer Hitler und Putin gleichsetzt trivialisiert die NSDAP zu einer autoritären Kriegspartei unter anderen.

Wir fordern:

Keine Bühne für Antisemitismus und Holocaustverharmlosung in Heilbronn und nirgendwo!

Ausladung von Wolfgang Niess als Moderator auf den 25. Baden-Württembergischen Theater Tagen!

 

Verlag Edition Critic, Berlin/Heilbronn

 

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